Bozen — 3. Tag — 5.10.

Mittwoch, Oktober 6, 2021 at 09:50:31

Dritter Tag 5.10.

Die Nacht brachte den angekündigten heftigen Regen. Immhin so heftig, dass ich davon wach wurde. Aber wir waren ja perfekt vorbereitet. Für 10 Uhr waren Plätze im Ötzi-Museum reserviert. Auf der Treppe vom Zimmer zum Frühstück machten sich die vielen hundert Höhenmeter sich mit richtigem Muskelkater bemerkbar.

Das Museum ist toll gemacht! Es gibt genau ein Thema, nämlich Kollegen Ötzi. Jedes kleinste Teilchen, welches man gefunden hat ist im Original ausgestellt. Besonders eindrucksvoll die perfekt erhaltene Fellmütze. Ein besonderer Punkt ist, dass die Kupferaxt, die Ötzi mit sich führte mal eben das Kupferzeitalter für die südlichen Alpen um über 1000 Jahre verschoben hat. Es gibt einfach nur sehr wenig Artefakte aus der Vorzeit, keinerlei Überlieferung. Wir sind darauf angewiesen aus den wenigen Funden ein plausibles Bild der Menschheitsgeschichte zusammen zu puzzeln. Beispielsweise gibt es ein Werkzeug, welches “Retuscheur” genannte wird. Etwas ähnliches wurde nirgends sonst gefunden. Aktueller Konsens scheint zu sein, dass man damit Feuersteinklingen schärfen kann. “Wissen” im engeren Sinne möchte ich diese Hypothesen aber nicht nennen. Die Bandbreite möglicher Fehler ist verständlicherweise groß. Insgesamt faszinierend, was die Wissenschaft diesem einen Fund abgerungen hat. Auf jeden Fall einen Besuch wert!

Die Idee über das Internet zu reservieren erwies sich ebenfalls als goldrichtig. Obwohl wir am Sonntag keine Schlangen gesehen hatten, gab es heute immer so 50-75m vor dem Eingang der Unreservierten.

Zufrieden ging es danach auf einen Spaziergang Richtung Bahnhof, um die Rückfahrkarte schon einmal zu sichern, was gelang. Danach noch zum Tourismusbüro, um herauszufinden, ob es noch freie Plätze für Stadtführungen gebe, Die Entscheidung wurde erstmal vertagt. Immerhin haben wir das Büro aber gefunden, was beim ersten Versuch nicht der Fall war, da es am Rande einer riesigen Baustelle in der Innenstadt versteckt ist.

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Zypressen am Berg

Mittags hörte es auf zu regnen und nach einer kleinen Hotelpause ging es wieder los, einen Spaziergang zur Burg Runkelstein unternehmen. Immer die Tafler lang über die Bozener Wassermauer

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Allee der Bozener Wassermauer
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Weinberge bis in die Innenstadt

gelangt man zur “Bilderburg”, wie sie sich auf deutsch nennt.

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Burg Runkelstein

Den Namen verdankt sie den Fresken aus dem 14.-16. Jhdt, welche keine geistlichen Szenen sondern höfisches Leben und Literaturszenen darstellen. Etwas für Feinschmecker der Freskenmalerei,

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Fresken in Burg Runkelstein

die wir leider nicht sind. Insgesamt ganz nett, aber wir bräuchten eine Führung, um es wertzuschätzen.

Der Hammer war die Frau an der Kasse. Jeder Besucher erhielt einen mehrminütigen Vortrag über die Burg, die Ausstellung, die Coronamaßnahmen, die geschlossene Burgstube, die falschen Daten auf dem Flyer zur Burg und den ganzen Rest. Vorher durfte man das Gebäude nicht betreten!

In einer Mauernische konnten wir unsere Laugenbrötchen naschen

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Pause in der Nische

und die Aussicht über den aufgewühlten Fluss geniessen. Vor dem Regen war dieser klar wie Glas gewesen, plätschernd, jetzt ist er eine einzige braune Schlammbrühe und reißend.

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Auch Katzen brauchen Pause

In der Ausstellung ist Sanne Treppen hoch und runter, die vor der Augen-OP nicht funktioniert hätten! Ebenso der Kieselgepflasterte steile Weg zum Burgtor. Es ist zwar immer noch anstrengend, aber es wäre früher vermutlich unmöglich gewesen! Die OP war ein Volltreffen. Apropos: Heute ging es zur Zimmertür Richtung Frühstück, als es hieß “Huch, ich sollte mal die Brille aufsetzen”!

Da es sich wieder zuzog ging es ohne Umweg ins Hotel. Dort angekommen fing das nächste fieseln an. Wieder einmal perfektes Timing!

Vor dem Abendessen habe ich noch eine Streetcomplete-Session entlang der Tafler bis zur Mündung in die Eisack
eingestreut. Für sehr viele Bänke weiß Openstreetmap nun, ob es eine Rückenlehne gibt. Wer würde das nicht gern wissen?

Abendessen war heute wetterbedingt im Hotel. Safe bet: lecker und preiswert, halt unspektakulär.

Eine Beobachtung noch über Land und Leute. Italien und Deutschland bzw Österreich sind hier gesund gemischt. Bis in die 1990er Jahre gab es sogar gewalttätige Aktionen, um Südtirol wieder an Österreich angeschlossen wird. Damals waren fast alle Beamten Italiener, obwohl der Anteil Deutschsprachiger an der Bevölkerung bei 65% lag. In den 1990ern begann man, dieses Verhältnis anzugleichen und auch der dritten Sprache, dem Ladinischen, welches übrigens auch geschrieben sehr ungewohnt aussieht, einen gerechten Anteil an den Staatsstellen zu geben und alle drei Sprachen in den Schulen wieder zu unterrichten. Heute entsprechen die Beamtenanteile ziemlich genau den Sprachanteilen in der Bevölkerung. Soweit man es beobachten kann, werden die anderen Sprachen nicht mit Argwohn betrachtet. Bei jungen Menschen scheint die fließende Zweisprachigkeit der Normalfall zu sein. Oft redet eine Person deutsch, die Antwort auf Italienisch, dann ein scheinbar müheloser Wechsel aller Beteiligten zwischen den Sprachen. Es gibt auch keine Unabhängigkeitsbestrebungen mehr, soviel ich weiß. Die Befriedung und Integration der verschiedenen Völker scheint geklappt zu haben!

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